Fensterleiste BMW 600 - poliert oder verchromt

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isetta_ks
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Fensterleiste BMW 600 - poliert oder verchromt

Beitrag von isetta_ks » 20. Jul 2019, 18:38

Sind die Fensterleisten aus Alu beim BMW 600 zusätzlich verchromt oder nur geschliffen und poliert.
Meine sind nicht mehr im besten Zustand und eine Option wäre jetzt das verchromen.

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Ralf Heiligtag
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Re: Fensterleiste BMW 600 - poliert oder verchromt

Beitrag von Ralf Heiligtag » 24. Jul 2019, 22:02

Die Fensterleisten aus Aluminium waren serienmäßig geschliffen und poliert, nicht verchromt. Wenn der schlechte Zustand der Leisten es nicht mehr erlaubt, sie zu schleifen und auf Hochglanz zu polieren, sind sie auch nicht ohne weiteres verchrombar.

Eine Zierchromschicht ist hauchdünn, sie ist nur etwa ein Mikrometer (= ein Tausendstel mm) dick, teilweise sogar noch dünner. Diese dünne Chromschicht kann also keine Unebenheiten, Krater, Dellen und Kratzer auffüllen. Darum muss vorher dick (5 bis 25 Mikrometer, teilweise auch deutlich dicker) verkupfert werden. Dann wird die Kupferoberfläche geschliffen und poliert. Sind noch Unebenheiten übrig, wird nochmals verkupfert und nochmals geschliffen. Kupfer ist also sozusagen die Spachtelmasse des Galvaniseurs. Es lässt sich denken, dass dieses Verfahren viel Arbeitszeit eines geübten Metallschleifers kostet. Auch die langen Verweildauern im Kupferbad zur Abscheidung dicker Schichten können nicht billig sein. Der Spaß droht also teuer zu werden.

Da die Leiste auf der linken, türlosen Seite fast über die gesamte Wagenlänge reicht und damit sehr lang ist, müssen die sie aufnehmenden Bäder fürs Verkupfern, Vernickeln, Verchromen, Spülen etc. noch etwas länger sein als die Leiste selbst. Über derart große Bäder verfügen die meisten Galvanikbetriebe nicht. Es wird also nur wenige Unternehmen geben, die sich mit einem derartigen Exotenauftrag überhaupt befassen wollen. Fehlende Konkurrenz wirkt zusätzlich preistreibend.

Ist die Kupferschicht nach vielen Stunden so ebenmäßig schön geschliffen und hochglänzend poliert, dass sie das Auge erfreut, kommt als Zwischenschicht eine 5 bis 30 Mikrometer dicke Nickelschicht drauf. Erst dann folgt die dünne Chromschicht. Chrom ist also auf den Glanz seiner Unterschicht angewiesen ... ganz anders als gewisse Politiker.

Allgemein sind Kupfer-, Nickel- und Chromschichten auf Kupferlegierungen und auf Stahl viel beständiger als auf Zink- oder Aluminiumlegierungen. Die serienmäßigen aus verchromtem Zinkdruckguss gefertigten Emblemhalter und die Stoßstangenecken des BMW 600, die innerhalb weniger Jahre vergammelten, legen davon ein hundertfaches Zeugnis ab.

Dass nachträglich verchromte Motorengehäusedeckel im Motorradbereich häufig relativ schnell unansehnlich werden, ist vermutlich unsauberer Oberflächenvorbehandlung oder unbekannten, für die Oberflächengalvanisierung ungeeigneter Aluminiumlegierungen geschuldet. Denn auf serienmäßig verchromten Aluminiumteilen hält die Verchromung besser. Wenn auch nicht immer, so doch meistens. BMWs Cruiser R 1200 C, der vor verchromtem Aluminium bis an die Augenkrebsgrenze strotzte und dessen frühe Exemplare inzwischen gut zwanzig Jahre alt sind, beweist anschaulich, dass Ab-Werk-Verchromungen auf Aluteilen auch bei Premiumherstellern eben nicht jahrzehntelang halten. Das hängt sicherlich auch von der Nässebelastung und von der Pflege ab.
DSC02586.JPG

Man darf wohl zusammenfassend sagen: Verchromtes Aluminium hält nicht besonders gut.

Trotz alledem sind schon Aluminiumleisten des BMW 600 verchromt worden; mir ist zumindest ein Beispiel bekannt. Es bewies, dass die Verchromung zwar zunächst glänzte wie eine Bordelltür, aber nach wenigen Jahren Bläschen und Abplatzungen zeigte. Augenscheinlich war die Verankerung der Überzugsmetalle auf dem Aluminium unzureichend. Der stolze Besitzer ließ dann nochmals neu verchromen. So kann man sich auch beschäftigt halten.

Meine unmaßgebliche Meinung dazu ist: Ich würde schleifen und polieren, notfalls Löcher im Alu unter Schutzgas zuschweißen. Den Aufwand des Verchromens täte ich mir nicht an, denn
• der Glanzgrad ist ein ganz anderer (manche sagen: er ist greller und aufdringlicher) als jener von poliertem Aluminium,
• das Verfahren ist aufwendig und darum teuer,
• ein nachträgliches Biegen der Leiste zur Anpassung an die Karosseriekontur provoziert Risse im Überzugsmetall,
• das Risiko des vorzeitigen Hässlichwerdens ist höher als bei der Partnerwahl.

Aber weil der Mensch nun mal ein Augentier ist, hilft Hochglanz oft beim Verkaufen. Darum sei der nicht geringen Schar der Zeitgenossen, die elstermäßige Vorlieben hegen und umso glücklicher sind, je mehr es glänzt und funkelt, ein vielfach bewährter US-amerikanischer Rat für den Gebrauchtfahrzeugverkauf ans Herz gelegt: If you can’t fix it, chrome it.
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